Mass Effect 3: Die Indoktrinationstheorie

Datum: 06.04.2012
Autor: Katan

Vorab: Wer Mass Effect 3 noch nicht zu Ende gespielt hat, wird an den nun kommenden Spoilern keine Freude haben. Lesen auf eigene Gefahr.

Das Ende von Mass Effect 3. Ein Schlag ins Gesicht für die größten Fans der Reihe. Ein Schlag ins Gesicht für jeden, der den Kick, das heroische Ende und eine Rettung des Universums erwartet hat. Immerhin handelt es sich um Teil 3, das Ende einer verdammten Trilogie und die Kulmination der Worte: „ICH HAB'S EUCH DOCH GESAGT.“ Stattdessen wird man mit drei unattraktiven Möglichkeiten konfrontiert, den Konflikt zu beenden. Ich war sauer.

Am Releasetag bin ich in meiner Mittagspause schnell ins Auto gehüpft und zu meinem Spielehändler gefahren, um in weiser Voraussicht die letzte noch vorhandene Mass Effect 3-Packung ganz dreist zwischen den Strategiespielen zu verstecken; ich brauchte die Bedenkzeit. Im Laufe des Arbeitstages gewann die Neugier, und ich war vielleicht aufgeregt. Dann kam das Ende und meine Wortwahl rutschte in Bereiche ab, die Khalisah Bint Sinan al-Jilani zum Schweigen gebracht hätte.

Erst nach einer Weile kam die Erleuchtung, ein Aufblitzen von Hoffnung und der Gedanke: da, in der Szene, stimmt doch was nicht. Oder der Wunsch, dass an der Sache mehr dran ist, als wir nach einem neuen Ende whinenden Spieler zu sehen meinen. Vielleicht, ganz vielleicht, sind die Enden gar nicht Scheiße. Vielleicht hat BioWare etwas Unglaubliches geschafft, nämlich uns alle auszutricksen. Und in dem Fall wäre das Ende nicht nur gut, es wäre genial. UND es wäre Scheiße. Denn eigentlich ist es dann gar kein Ende. Wovon ich rede? Ich rede davon, dass das End Game von den Reapern inszeniert wurde; ein Indoktrinationsprozess – direkt in Shepards Gehirn.


Charaktere und ihre Symbolik


Leiten wir die Sache mit den drei möglichen Zielen des Endes und ihrer Wiederfindung in gewissen Charakteren ein. Wir hätten da SYNTHESE. Diese wird von Saren symbolisiert; durch die Indoktrination erkannte er die Macht der Reaper und war überzeugt, dass einzig eine Symbiose von Organik und Synthetik das Universum ab diesem Punkt retten würde. Tatsächlich aber hat Sovereign Saren nur benutzt, um die Röhre zu finden und die Rückkehr der Reaper einzuleiten, wozu Sovereign selbst nicht fähig war. Die Wahl der Synthese bedeutet also Shepards erfolgreiche Indoktrination und den Sieg der Reaper.

Eine weitere Möglichkeit ist KONTROLLE. Der Unbekannte, obwohl lange auf der Liste derjenigen, die der Indoktrination erfolgreich widerstehen konnten, sieht sich überzeugt – ebenso seine Anhänger – dass die Zerstörung der Reaper der falsche Weg ist, dass er in der Lage sei, sie zu kontrollieren und zum Vorteil der Menschheit zu nutzen. Das ist der Weg, auf dem die Reaper ihn schließlich indoktriniert haben, seine finale Schwäche. Die Wahl der Kontrolle bedeutet also Shepards erfolgreiche Indoktrination und den Sieg der Reaper. Man beachte das indoktriniert blaue Leuchten in Shepards Augen.

Die dritte Option ist ZERSTÖRUNG. Zerstörung ist das Ziel aller nicht-indoktrinierten. Sie wird von Anderson verkörpert, von der Allianz, über die Jahre hinweg auch von Shepard selbst. Die Entscheidung zu treffen, die Reaper zu zerstören, ist der EINZIGE Weg im Spiel, den Indoktrinationsprozess zu sabotieren und zu überleben. Das eigentliche Ziel, die Zerstörung der Reaper, wurde verfolgt.


„Ja, aber Katan, Alter...


… geh mal von der Symbolik weg und wirf einen Blick auf das Farbschema. Kontrolle ist blau, Blau steht für Paragon, Paragon ist gut. Zerstörung ist rot, Rot steht für Renegade, Renegade ist böse. Mein Paragon-Shep kann es in seinem Herzen nicht ertragen, den Geth den Saft abzudrehen.“

Jepp. Die Zerstörung allen synthethischen Lebens im Universum ist schon ein Bummer im Angesicht der anderen Optionen, in denen man primär sich selbst opfert. Nur müssen wir bedenken: Shepard und Hammer laufen auf den Strahl zu, Shepard wird ausgeknockt, und ab dem Moment, da er wieder aufsteht, ist NICHTS von alledem mehr real. Es passiert nur in Shepards Kopf. Es ist der fortschreitende Prozess der Indoktrination durch die Reaper. In dem Sinne ist die Zerstörung der Geth nur eine Information und nichts, was wirklich passiert. Zu wählen, die Reaper zu zerstören, hat nur eine Auswirkung: Sag NEIN zu Indoktrination.

Was das Farbspiel betrifft, so ist das der letzte Trick der Reaper und Geniestreich BioWares: man muss die Sache vom Standpunkt der Reaper aus betrachten. Sie sind für die Darstellung von Shepards Umgebung verantwortlich. Die Reaper sehen sich selbst als Ordnungsbringer. Ordnung ist Paragon. Sie erkennen das weitere wilde und unkontrollierte Wachstum der hochentwickelten Rassen der Galaxis als Chaos an. Chaos ist Renegade.


I, Indoctrinated – wo alles begann


Wo begann Shepards Indoktrination? Darüber lässt sich nur spekulieren. Fakt ist: Kontakt zu Reaper-Technologie hat eine verstörende Wirkung auf organische Individuen. Das Spiel hat es sich mehrmals zur Aufgabe gemacht, diese Tatsache in Missionsform auszuformulieren. Die Drachenzähne sind da noch ein geringeres Übel – jedenfalls für diejenigen, die nicht gerade auf sie aufgespießt sind. Saren fand Sovereign und das Schiff, Reaper-Technologie in reinster Form, indoktrinierte ihn. Dann der gewrackte Reaper in Mnemosynes Orbit; die Cerberus-Wissenschaftler zeigten nach den Logs zu urteilen Anzeichen der Indoktrination (fremdartige Stimmen, geteilte Erinnerungen, Erscheinungen, das Gefühl, beobachtet zu werden – eben die ganze Palette), obwohl der Reaper schon lange hinüber war. UND SHEPARD IST IN DEM TEIL RUMGELAUFEN. Könnte der Indoktrinationsprozess hier begonnen haben? Oder doch im Kampf gegen den menschlichen Reaper im Kollektorensystem? Vielleicht durch das Objekt Rho im DLC „Die Ankunft“ (dem er zwei Tage lang bewusstlos ausgesetzt war)? Es haben sich einige Möglichkeiten für die Reaper geboten, in Shepards Geist einzudringen und dort subtil Amok zu laufen.


Mass Effect 3 – frühe Indikatoren


Im Grunde gibt es nur einen Weg, diese Indikatoren zu erkennen: Skepsis, der Wunsch nach Realität und Nachvollziehbarkeit in Spielen und Rückblick. Was man anfangs nicht wissen kann, macht im Endeffekt dann irgendwie doch Sinn. Der erste Indikator für Indoktrination wird früh im Spiel vorgestellt; es wird quasi mit ihm eingeleitet. Es handelt sich dabei um den Jungen, der auf dem Hausdach spielt. Ich bin fest davon überzeugt, dass es sich bei ihm um eine Halluzination handelt, die dazu dient, Shepards Willen zu brechen und ihn für die Indoktrination offener zu machen. Diese Schlussfolgerung hat natürlich mehrere Gründe. Der erste beginnt mit dem Wunsch nach Realität und Nachvollziehbarkeit. Nach dem Angriff der Reaper hängt der Junge in dem Schacht herum, an dem Anderson und Shepard vorbei kommen. Obwohl Anderson in relativer Nähe zu Shepard, dem Kind und dem Schacht ist, gibt er keinerlei Anzeichen von sich, dass er die Anwesenheit des Jungen wahrnimmt; es ist, als würde er für ihn nicht existieren. Auch sonst gibt es niemanden, der mit ihm interagiert. Das ist nicht alles; als Anderson die Halluzination unterbricht, ertönt das Brummen eines Reapers. Dem dritten ME-Roman zufolge ist dies ein Zeichen dafür, dass ein Indoktrinationsansatz schiefgegangen ist. Schließlich stirbt der Junge und wird so zu einem Symbol für Shepard. Sein Tod bedeutet Verlust und steht zusammenfassend für den Tod des Jungen, für den Tod der Menschen auf der Erde und für all die Opfer, die Shepard erbringen musste. In dieser Form unterminiert er Shepards Willenskraft durch Schuld.

Noch ein nettes Tidbit: In einem, nennen wir es mal „Squadgespräch“, gibt James Vega dem Spieler ungewollt einen Tipp, dass hier eine Indoktrination im Gange ist. Er sagt: „You hear that hum?“ Etwas, das ihm erst jetzt aufällt, obwohl er bereits für eine Zeit auf der Normandy gewesen ist – man darf also davon ausgehen, dass dieses Summen eine unerwünschte Neuausstattung ist.


Hand aufs Herz


Wir waren doch alle auf Thessia und haben uns mit der VI unterhalten, die, wie an ihrer schockierten Bemerkung, ein Indoktrinierter befände sich in der Nähe – und damit auf Kai Leng und nicht Shepard anspielt – zu bemerken, erkennen kann, ob eine Person indoktriniert ist oder nicht. Tja. Shepard ist ja auch nicht indoktriniert. Der eigentliche Prozess der Indoktrination findet am Ende statt, wenn Shepard sich für Kontrolle, Synthese oder Zerstörung entscheiden muss und so sich selbst der Indoktrination hingibt oder nicht. Alles andere ist als Angriff auf seine Psyche durch Harbinger zu verstehen, der Shepards Geist langsam aber sicher für die Indoktrination öffnet. ABER selbst wenn wir davon ausgehen, dass Shepard schon so ein bisschen indoktriniert ist, wie erklären wir uns dann den Untergang der Protheaner? Die haben die VI hergestellt und ihre eigenen indoktrinierten Schläferzellen nicht erkannt. Ansonsten wären sie noch im Spiel, um uns davon zu berichten.

Ich habe die Begegnung auf Cronos deshalb nicht erwähnt, weil die VI zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zwingend als einwandfrei funktionstüchtig gelten kann. Mögklicherweise wurde sie von Cerberus verändert.


Die End Game-Situation


Shepard, voll gerüstet, und der Rest von Hammer laufen auf den Strahl zu, der, seltsam schwach bewacht und nicht deaktiviert, ganz offenbar nur darauf wartet, vom Feind (den Menschen) eingenommen zu werden. Doch Harbinger lässt es nicht zu und dezimiert die Anzahl der überlebenden Hammer-Soldaten auf... null. Shepard wird ausgeknockt, aber er kann sich, wenn auch schwer verletzt, wieder erheben. Wie bereits erwähnt beginnt an dieser Stelle der „Traum“. Wie in den Alpträumen, mit denen Shepard zu kämpfen hatte, stehen in der Gegend um den Strahl Bäume herum, die vorher nicht dort waren, und kleine Büsche, die ebenfalls einen extrem raschen Wachstum hinter sich gebracht haben. Über Funk hören wir, dass NIEMAND von Hammer es zum Strahl geschafft hat. Aber wir sind Shepard; der Strahl, den wir nicht erreichen, muss erst noch gebaut werden.

Transportiert werden wir in einen dunklen Bereich, der voller menschlicher Leichen liegt. Shepard ist mit der Umgebung vertraut: es handelt sich um einen Teil der Citadel. In der Tat verfügt die Umgebung über Elemente von unterschiedlichen Sets, wie etwa, natürlich, der Citadel, dem Shadow Broker-Unterschlupf und dem Kollektorenschiff. An dieser Stelle müssen wir einen Schritt zurück machen und einen Blick auf die Geth-Mission werfen: dort wird Shepard in eine virtuelle Umgebung geschickt, die anhand seiner Erinnerungen eine bekannte Optik annimmt. Besteht die Möglichkeit, dass auch die Citadel, auf der Shepard sich nun befindet, ein Konstrukt seiner Erinnerungen ist, zusammengeschustert von den Reapern, um Shepard eine glaubwürdige Umgebung zur Verfügung zu stellen?

Ab hier wird die ganze Angelegenheit etwas tricky. Es gibt eine Menge zu theorieren, spekulieren, zu interpretieren und überinterpretieren. Dies sind meine Gedanken zum Ende und wie es zu deuten ist:

Shepard ist nicht der einzige, der es zur Citadel geschafft hat; Anderson ist bei ihm. Interessant: Als Shepard die Konsole erreicht, ist Anderson bereits dort. Über Commlink hat er zuvor verlauten lassen, die Wände würden sich bewegen, was seine Anwesenheit erklären würde. Nicht aber seine Behauptung, er sei auf der Erde direkt hinter Shepard gewesen (wo er weit und breit nicht zu sehen war) und nach ihm in den Strahl getreten. Zudem bedenkt: während Shepard von Harbingers Angriff ziemlich zerrissen ist, hat Anderson den gesamten Angriff, so, wie es aussieht, mehr oder weniger heil überstanden. Das liegt daran, dass Anderson nicht real ist. Hier kommt wieder die Symbolik ins Spiel: Anderson repräsentiert den noch nicht korrumptierten Teil von Shepard, den, der gegen die Indoktrination ankämpft. Der Unbekannte, der kurz darauf ebenfalls seinen Auftritt hat, dagegen repräsentiert den bereits indoktrinierten, aber dies leugnenden Teil von Shepards Verstand. Auch er ist nicht real. Er dient nur dem einen Zweck, für die Indoktrination zu argumentieren.

Im Verlauf der folgenden Unterhaltung kontrolliert der Unbekannte sowohl Shepard als auch Anderson und zwingt Shepard dazu, auf seinen Mentor zu schießen. Wenn Anderson später stirbt, befindet sich an Shepard dort Blut, wo er Anderson getroffen hat. Ein weiteres Indiz dafür, dass dieser Anderson ein Teil von Shepard ist, keine reale Person. Es gibt mehrere Möglichkeiten, mit dem Unbekannten umzugehen: man kann ihm erlauben, Anderson zu erschießen (woraufhin er ebenfalls Shepard erschießt). Man kann ihn davon abbringen, Anderson zu erschießen, indem man vorher auf ihn schießt. Oder man bringt ihn dazu, wie man Saren dazu bringen konnte, seinen Fehler, seine Indoktrination, einzusehen und Suizid zu begehen. Shepard fühlt sich sicher. Der Spieler fühlt sich sicher. Das böse, bedrohliche Element wurde aus der Situation entfernt und die Arme der Citadel können geöffnet, das Gerät vervollständigt werden; der Sieg über die Reaper scheint zum Greifen nahe.

Doch eine Nachricht von Admiral Hackett, der, obwohl niemand weiß, dass es jemand zur Citadel geschafft hat (Hammer wurde komplett zermalmt), macht Shepard klar, dass etwas nicht stimmt und er etwas tun muss, um die Dinge zu berichtigen; in anderen Worten: die Reaper reizen Shepards Heroismus, um ihn an ein von ihnen bestimmtes Ziel zu locken. Zum Katalyst. Der ist noch einmal ein dicker, fetter, roter, mit Leuchtreklame makierter Hinweis für sich selbst. Nicht nur, dass es sich dabei um den von den Reapern ermordeten Jungen handelt, die Tonkanäle sind von der Stimme des männlichen und des weiblichen Shepard besetzt (linker Audiokanal: Fem-Shep; rechter Audiokanal: Male-Shep).

Nun kommt es zu den Optionen: Kontrolle, Synthese und Zerstörung. Wie bereits erläutert: Kontrolle und Synthese sind Ziele des Indoktrinationsversuchs. Um den Kampf gegen die Reaper zu gewinnen, um zu überleben und die Indoktrination abzuschütteln, MUSS Zerstörung der Reaper gewählt werden. Erst und nur dann kehrt Shepard in die Realität zurück.


Ich denke, also bin ich


Es gibt einfach zu viele Hinweise und Unbeständigkeiten, um die Möglichkeit der Theorie auszuschließen, dass das Ende von Mass Effect 3 nicht in der Realität stattgefunden hat, sondern ein Kampf von Shepard gegen den Indoktrinationsversuch der Reaper ist. Zu viele Fragen lassen sich anders nicht beantworten. Warum zum Beispiel reagiert niemand auf den Jungen? Oder aus welchem Grund befinden sich Bäume und Büsche aus Shepards Alpträumen in der Umgebung des Strahls? Und so weiter. Einige dieser Fragen habe ich mit der Indoktrinationstheorie beantwortet.

Diese Theorie stammt im Übrigen nicht von mir. Ich habe sie lediglich aufgegriffen, überprüft, mir meinen eigenen Gedanken dazu gemacht, mir Fragen gestellt und Antworten formuliert. Das ME3-Ende ist schwach. Daran führt kein Weg vorbei. Aber mit dieser Theorie fällt immerhin eines weg: SpaceMagic™.


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